3PL vs. 4PL – Die Vor- und Nachteile

19 Jun 2018 6 min Lesezeit
Joseph Carnarius Joseph Carnarius

Nein, PL steht hier nicht für die Premier League, Polen oder die Liberale Partei von Honduras.

3PL steht für Third Party Logistics Provider und bezeichnet Logistikdienstleister.

Der aufmerksame Leser fragt sofort: „Moment mal, und was soll die 3? Und die 4?“  Genau das werden wir in diesem Artikel klären.

Logistik auslagern – aber wieviel?

Logistik beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Fuhrpark und Lagerhaltung. Spezialisten sind gefragt.
Jedoch gehört für viele Unternehmen die Logistik nicht zu ihrer Kernkompetenz. Deswegen wollen sie ihre Logistik in kompetente Hände abgeben. (Wer mehr über die Hintergründe des Outsourcens erfahren möchte, dem empfehlen wir unseren Blogpost „9 Gründe, Ihre Logistik outzusourcen“.)

Der Trend, seine Logistik an Spezialisten auszulagern, ist in voller Fahrt. Eine verständliche Entwicklung, steigen doch die Anforderungen an das Supply Chain Management. Mit der vernetzten Industrie 4.0 bekommt die Kurve noch einmal so richtig Auftrieb. Ergo besteht Bedarf nach einem Outsourcing-Dienstleister.

Jetzt geht es aber ins Detail. Auslagerung ist nämlich nicht gleich Auslagerung. Das eheähnliche Arrangement mit dem Logistikdienstleister will genau geplant werden. Vor allem steht eine Frage im Raum: Wieviel soll ausgelagert werden?

  • Nur die operativen Bereiche wie Transport und Lagerhaltung?
  • Oder komplexere Aufgaben wie Zollabfertigung, Rechnungswesen und Kommissionierung?
  • Oder gleich die strategische Steuerung der Supply Chain Prozesse?

Wie die Begriffe 3PL oder 4PL verraten, gibt es von der Spezies der Logistikdienstleister gleich mehrere Spielarten.

Arbeiten wird uns der Reihe nach durch die Geschichte.

1PL

Mit dem First Party Logistics Provider fing alles an. „First Party“ wird oft mit „Eigen…“ übersetzt. Das erklärt auch die Bedeutung des Begriffes: Hinter dem Kürzel steckt ganz einfach die branchenübliche Praxis der 70er Jahre, Transport, Umschlag oder Lagerung mit eigenen Kapazitäten durchzuführen. Das Unternehmen besitzt einen eigenen (teuren) Fuhrpark und ein eigenes (teures) Lager – und macht seine Logistik selbst. Wir reden hier von Transporteuren, also Frachtführern, die das operative Geschäft in der Hand – bzw. den Fuß am Gaspedal des Brummis haben.

2PL

Mit dem Second Party Logistics Provider „2PL“ beginnt das Zeitalter der Logistikdienstleister.

Genau wie bei den 1PL liegt der Fokus „nur“ auf den klassischen Basis-Leistungen, also den Logistikhochburgen Transport, Umschlag und Lagerung (TUL). Der feine Unterschied: Die Unternehmen erledigen diese Basisleistungen nicht mehr selbst, sondern sourcen sie an andere Firmen aus.

Hintergrund dieser Entwicklung sind Bestrebungen, Kosten zu senken, den Service zu verbessern, und sich auf seine Kernkompetenzen zu konzentrieren. Schlagwörter wie „Lean Management“ und „Toyota-Produktionssystem“ fluten die Logistiklehrbücher. Betriebswirtschaftler bekommen ein Elftes Gebot vor die Nase gesetzt, das da heißt „Du sollst nicht verschwenden.“

Die lange Liste der Prinzipien für das Lean Management enthält auch die Vorgabe, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Logistik soll von nun an in die Hände von Spezialisten gegeben werden, also Speditionen, Kurierdienste, Umschlagsunternehmen, Lagereiunternehmen, etc. Es kommt zu einem wahren Auslagerungsboom.

Behalten wir aber einen Punkt im Hinterkopf, auf den wir später zurückkommen werden: Alle diese Dienstleister besitzen ihre eigene „Hardware“ – die Assets. Sie verfügen zum Beispiel über Lagerhäuser, Lastkraftwagen oder Frachtschiffe.

3PL

Third Party Logistics Provider sind Verbunddienstleister. Ihr Geschäft ist operativ wie auch administrativ. Sie übernehmen logistische Dienstleistungen, die über den Transport hinausgehen; auch unter Einbeziehung weiterer Vertragspartner. Hierzu zählen beispielsweise Montage, Verpacken, Etikettieren, Zollabfertigung, Retourenannahme, usw.

Manche Hersteller lagern ihre eigene Infrastruktur sogar komplett aus und integrieren den 3PL-Dienstleister vollständig in ihre Prozesse.

Im Gegensatz zu 1PL und 2PL, gehören die 3PL- und 4PL- Dienstleister in den Bereich der Kontraktlogistik. Sie übernehmen das gesamte Management logistischer Prozesse. 3PL- und 4PL-Dienstleistungen beinhalten komplexe Aufgaben und sind durch eine langlebige Vertragsdauer gekennzeichnet.

Abwicklungen, bei denen es in erster Linie um Standardleistungen geht, zählen nicht zur Kontraktlogistik.

Die Vorteile?

  • Ich spare Kosten.
  • Ich profitiere vom Know-how des Partners.
  • Ich verringere mein gebundenes Kapital. Kapazitäten werden frei.
  • Qualität und Effizienz steigen, weil jeder das macht, was er am besten kann (der eine kümmert sich um die Logistik, der andere produziert seine Waren).

Die Nachteile?

  • Ich kann mein Know-how verlieren. Dadurch verliere ich auch die Möglichkeit, die Leistungen kurzfristig intern zu übernehmen.
  • Ich mache mich vom Logistikpartner abhängig.

4PL

2PL, 3PL, 4PL … Die Welt der Logistikdienstleister ist bunt. Bunt ist auch die Welt der Definitionen, die den Begriff 4PL erklären.

Eine der am weitesten verbreiteten Theorien stellt die Assets in den Vordergrund. Der 3PL-Provider wäre asset-based, so wie auch 1PL und 2PL, – der 4PL-Provider im Gegensatz dazu non-asset-based und deshalb auf Subunternehmern für die operativen Aktivitäten angewiesen.

Eine ältere Theorie bezieht sich rein auf die Funktion des 4PL als Supply Chain Integrator. Sie legt nicht fest, dass der 4PL keine eigenen Ressourcen haben darf.

Uneinigkeit besteht bei den Theoretikern auch darüber, ob der 4PL-Provider an ein einzelnes Unternehmen gebunden ist, oder Dienste für mehrere Supply Chains erbringen kann.

Oft fällt in dem Zusammenhang auch der Begriff Lead Logistics Provider (LLP). Diese gehen aus dem 4PL-Provider hervor. Im Unterschied zum 4PL-Provider verfügen sie über eigene operative Kapazitäten und kaufen bei Bedarf die jeweils effektivste Lösung des Marktes dazu.

Was soll man sich nun unter einem 4PL vorstellen?

4PL Dienstleister sind Systemdienstleister; sie sind sozusagen das vierte Element neben Versender, Empfänger und ausführenden Logistik-Operateuren. Sie arbeiten administrativ und unternehmensübergreifend.

In der Praxis handelt es sich bei 4PL-Providern um Dienstleister für die Gestaltung und Steuerung der Supply Chains. Sie können also auch 3PLs verwalten. Viele Supply Chain Consulting-Unternehmen bezeichnen sich als 4PLs.

Wer keine Arachnophobie hat, stelle sich den 4PL als eine dicke Spinne in einem Spinnennetz vor. Er vernetzt Lieferanten, Produzenten, Händler, IT-Dienstleister, Berater, Finanzdienstleister, Marktplätze, Logistikdienstleister – also alles, was sich an Marktteilnehmern so vernetzen lässt. Alle Fäden laufen bei ihm zusammen.

Dazu baut er eine internetfähige Plattform mit einer entsprechenden Softwarelösung auf. Werfen wir an dieser Stelle nur mal den Begriff SAP ERP in den Raum…

Kurz: Die Logistik geht IT.

5PL

Und ein weiterer neuer Begriff geistert durch die Supply Chain Branche… der 5PL …

Während es bereits für den Begriff „4PL“ mehrere uneinheitliche Definitionen gibt, driften die Meinungen beim 5PL nun vollends auseinander. Das hat zum großen Teil auch damit zu tun, welcher 4PL-Theorie man anhängt.

Der 5PL plant, organisiert und implementiert Logistiklösungen im Auftrag des Vertragsunternehmens mit Schwerpunkt auf die am besten geeigneten Technologien. Er verwaltet Netzwerke von Lieferketten mit dem Fokus auf E-Commerce. Ein 5PL kommt zum Einsatz, wenn aus der Supply Chain ein Supply Netzwerk werden soll. (Logistik 4.0 lässt grüßen). Er soll also verschiedene Supply Chains in ein Netzwerk integrieren. So die einen.

Alles vollkommener Unsinn, so die anderen. Die Einteilung von 1PL bis 4PL hätte schon seine Berechtigung, aber Anlass für „xPL“-Auswüchse gäbe es keinesfalls. Das wäre nichts als Gigantismus. Außerdem würde man zu der falschen Annahme verleitet, eine höhere Zahl bedeute etwas Besseres und 1PL und 2PL-Provider wären nur das arme Fußvolk.

Ich will auslagern. Aber an wen?

Bei der Entscheidung, seine Logistik auszulagern, spielen viele Faktoren eine Rolle. Außerdem zeigt sich von Branche zu Branche ein unterschiedliches Bild. Bevor ein Unternehmen überhaupt die Angebote der 4PL-Provider prüft, sollten folgende Punkte geklärt sein:

  • Welche Kernkompetenzen hat mein Unternehmen?
  • Welchen Stellenwert hat die Logistik in meinem Unternehmen?
  • Was wollen wir durch ein 4PL-Outsourcing konkret erreichen?
  • Stehen Management und Belegschaft hinter der Entscheidung?
  • Welche Vorteile und welche Risiken ergeben sich für mein Unternehmen?
  • Wie weit ist mein Supply Chain Management entwickelt? Können wir die Ziele   eventuell aus eigener Kraft erreichen?

Welchen Nutzen bringt mir ein 4PL-Anbieter?

3PL-Provider verfügen nicht über den Gesamtüberblick über das Supply Chain Netzwerk.

Während 3PLs zwar auch Leistungen wie das Lagerhaus- und Bestandsmanagement erbringen, das Netzwerk optimieren oder eine IT-Infrastruktur bereitstellen, konzentrieren sie sich dabei meist nur auf einzelne Segmente des Auftraggebers. Da 3PL-Provider über eigene Assets verfügen, ist es in ihrem Interesse, vornehmlich eigene Ressourcen auszulasten.

Die 4PL-Anbieter hingegen arbeiten mit dem Blick auf das große Ganze. Teilprozesse werden zusammengeführt, Schnittstellen reduziert. Idealerweise handelt es sich bei ihnen um neutrale Anbieter, die im Interesse ihres Auftraggebers handeln.

  • Anbieter bringen ihren Kunden dreifachen Nutzen:
  • Outsourcing von Nicht-Kernkompetenzen
  • Funktion als Service Integrator
  • unternehmensübergreifende Supply Chain Optimierung

Beispielsweise können Unternehmen, die mehrere Lagerstandorte besitzen, diese mit Hilfe eines 4PL-Providers zusammenfassen.

Große Unternehmen, welche üblicherweise mehrere Spediteure beauftragen, bezahlen nicht mehr viele Einzelrechnungen, sondern nur noch eine Gesamtrechnung.

In Großunternehmen kaufen oft unterschiedliche Abteilungen unabhängig voneinander eine Logistikleistung ein. Die Kostentransparenz geht dabei verloren. Durch die Bündelung des Logistikmanagements durch einen 4PL, wird die Kostentransparenz wieder zurückgewonnen.

Moderne Betrieb benötigen für alle möglichen Bereiche einen Spezialisten (Außenhandel, Gefahrgut, Logistikeinkauf …) und stoßen mit ihrem Know-how schnell an ihre Grenzen. Besonders kleine und mittlere Unternehmen profitieren hier vom Know-how der Logistikdienstleister.

4PL-Provider fassen Transportaufträge zusammen. Hierdurch können vor allem kleine und mittlere Betriebe einen großen Teil ihrer Frachtkosten einsparen.

4PL-Provider bündeln personelle und gegebenenfalls auch technologische Ressourcen. Kleine und mittlere Betriebe gewinnen durch den 4PL-Provider so die nötige Flexibilität, um auf Lastspitzen zu reagieren. Gleichzeitig können sie ihre Fixkosten in variable Kosten umwandeln, da sie der 4PL-Provider bei der Bereitstellung der für Kapazitätsspitzen notwendigen Ressourcen entlastet.

Zusätzlich fungieren 4PL-Provider auch als Berater im Bereich des Logistikmanagements. So verfügen sie über die nötige Kompetenz, um durch Ausnutzung legaler Möglichkeiten die Steuerbelastung der Unternehmen zu mindern. Ebenso verfügen sie über die nötige Expertise, um bei Zertifizierungsprozessen zu beraten.

Risiken beim Logistik-Outsourcing an einen 4PL-Anbieter

Ein 4PL-Outsourcing-Projekt stellt in der Planungsphase aufgrund seiner Komplexität außerordentlich hohe Anforderungen an das Unternehmen.

Die Gefahr einer Abhängigkeit vom 4PL-Dienstleister ist sehr groß. Sie wird noch größer, da dem 4PL-Outsourcing langfristige Verträge zugrunde liegen. Das beauftragende Unternehmen kann im Laufe der Zeit seine Logistikkompetenz verlieren. Unterschiedliche Unternehmenskulturen der beteiligten Partner behindern das Projekt. Ist das outsourcende Unternehmen vom 4PL-Dienstleister enttäuscht, sei es durch fehlende Identifikation, mangelnde Flexibilität oder nachlassende Anstrengungen, kann die Entscheidung nicht einfach so schnell wieder rückgängig gemacht werden.

Das 4PL-Outsourcing erfordert ein hohes Maß an Vertrauen, da der Dienstleister Zugriff auf vertrauliche Informationen erhält. Arbeitet der 4PL-Provider für mehrere Kunden, befürchten viele Unternehmen die Weitergabe sensibler Daten an Konkurrenten bzw. die Bevorzugung eines Konkurrenten.

Letztendlich schlagen sich alle Mängel des 4PL-Dienstleisters bei den Kunden nieder.

Fazit

Bei der traditionellen Logistik entfällt ein Sechstel der gesamten Logistikkosten auf die Administration und die Auftragsabwicklung. Papiergebundene Kommunikation, bei der die Daten manuell eingegeben werden müssen, sowie mehrfache Datenerfassung sind immer noch Geschäftsalltag. Diese Praktiken sind aber fehlerbehaftet, langsam und teuer. Traditionelle Supply Chains sind fragmentiert. Die Unternehmen grenzen sich wie Inseln voneinander ab. Ein 4PL-Dienstleister, der diese Inseln integrieren kann, hebt die Qualität des Logistik-Outsourcings auf eine neue Stufe.

Das technologische Know-how des 4PL-Providers ermöglicht es, die Logistikprozesse der an der Supply Chain beteiligten Unternehmen zu digitalisieren und vollständig zu integrieren. Daraus ergeben sich enorme Potenziale.

Jedoch stellt das Projekt, seine Logistik an einen 4PL-Provider auszulagern, große Herausforderungen an das Unternehmen. Eine Lösung ist, anfangs nur Teilbereiche zu vergeben und die Projekte schrittweise auszuweiten. Voraussetzungen für ein erfolgreiches Outsourcing an einen 4PL-Anbieter sind – neben entsprechenden transparenten Angeboten – eine wohldurchdachte Entscheidung, sowie eine große Portion an Vertrauen.

Wöchentliche Neuigkeiten aus der Branche

19 Jun 2018 6 min Lesezeit
Joseph Carnarius

Joseph Carnarius

Als Director of New Business Development ist Joseph für die Erweiterung des Angebots sowie die geografische Diversifizierung verantwortlich. Der gebürtige Dresdner kam 2016 als einer der ersten Mitarbeiter zu FreightHub. Nach dem Studium an der WHU, hat Joseph vorher bei mehreren Startups wie bspw. Movinga in der Strategieberatung und im IT-Sektor gearbeitet.

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